Die WM 1978 und das „wahre“ Argentinien
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- WM 1978 - Das wahre Argentinien
Selten war eine Weltmeisterschaft so umstritten wie die 1978 in Argentinien. Das Land war seit März 1976 von einer Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla beherrscht worden, die sich die physische Vernichtung aller, die ihr in die Quere kamen, zum Ziel gemacht hatte. Die Folge waren Folter, das Verschwindenlassen und die Ermordung von Regimegegnern – eine wahre Blutspur durchzog das ganze Land, in dem bis 1983 über 30.000 Menschen umgebracht wurden. Dennoch hielt die konservative FIFA-Spitze an der der Ausrichtung fest und obwohl zahlreiche Länder sogar über einen Boykott der Weltmeisterschaft diskutierten, fand diese letztlich planmäßig statt.
So kam es dann, dass im Juni 1978 Staatspräsident Videla im Monumentalstadion von Buenos Aires feierlich das Turnier eröffnete und FIFA-Präsident Havelange freudestrahlend verkündete: „Endlich kann die Welt das wahre Argentinien kennenlernen.“ Dass nur wenige hundert Meter entfernt, im Folter- und Vernichtungszentrum der Marineakademie (ESMA) tagtäglich Menschen unendlichem Leid ausgesetzt waren, spielte keine Rolle mehr. Auch nicht, dass der aktuelle Präsident des Landes, drei Jahre zuvor die Philosophie der Regierung mit folgenden Worten umschrieben hatte: „Es müssen in Argentinien so viele Menschen wie nötig sterben, damit das Land wieder sicher ist.“ So vermischte sich während der WM der Jubel des Publikums mit den Schreien hinter den Gefängnismauern der ESMA.
Und die Weltöffentlichkeit schaute nicht nur zu, sondern stärkte mit ihrer Ignoranz sogar das Regime. Aussagen, wie die von DFB-Kapitän Berti Vogts, müssen den Opfern der Militärdiktatur wie blanker Hohn erschienen sein. Vogts sagte 1978: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ Aber es gab auch Menschen, die Zivilcourage bewiesen. Einer davon war Argentiniens WM-Trainer Menotti, der sich nach dem Titelgewinn weigerte, den WM-Pokal anzunehmen und Junta-Chef Jorge Videla öffentlich nicht die Hand zu reichte. Auch die im Finale unterlegene holländische Elf setzte ein Zeichen, indem sie der Siegerehrung demonstrativ fern blieb.
Doch auch sportlich erwies sich diese Weltmeisterschaft keineswegs als „sauber“. Heute scheint es fast sicher, dass die entscheidende Zwischenrundenpartie Argentiniens gegen Peru, die die „Gauchos“ mit 6:0 gewannen, von „ganz oben“ manipuliert worden ist, um Argentiniens Finalteilnahme zu sichern. Sowohl der britische Journalist Brian Glanville, der die WM-Endrunde 1978 ausführlich aufgearbeitet hat, als auch David Yallop in seinem Buch „Wie das Spiel verloren ging“ sehen zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Nationalmannschaft Perus bestochen wurde. Laut Yallop befahl General Videla persönlich, das Ergebnis zu manipulieren und man einigte mit Perus Machthabern recht schnell auf eine Zahlung von 50 Millionen US-Dollar sowie eine Lieferung von 35.000 Tonnen Getreide. Auch der Turnierverlauf vor dem entscheidenden Spiel lässt eine Manipulation vermuten:
Noch in der Vorrunde hatten die flinken Peruaner Schottland sowie den Iran vorgeführt und gegen Holland unentschieden gespielt – und auch gegen Argentinien begannen sie überlegen. Doch nach 15 Minuten stellten sie das Fußballspielen ein und ließen sich von den Argentiniern überrennen. Ebenso ließ das WM-Finale viele Fragen offen – für Brian Glanville schien hier vor allem die Fitness der Argentinier ein Rätsel: Sie „waren nach 90 Minuten tot. Dann kamen sie zur Verlängerung wie neugeboren aus der Kabine. Wie das möglich war, weiß ich einfach nicht.“ Glaubt man Buchautor Jimmy Burns, dann war „ein Großteil der argentinischen Spieler derart mit Drogen vollgepumpt war, dass sie nach dem Abpfiff weiterrennen mussten, weil sie so aufgedreht waren“. Auch David Yallop bestätigt, dass viele Spieler nur deshalb nicht aufflogen, weil sie fremde Urinproben abgaben.